Kanada: Aktuelle Entwicklung

Stellungnahme zum Great Bear Rainforest-Abkommen

Der Great Bear Rainforest an der Westküste der kanadischen Provinz British Columbia ist Teil des Temperierten Küstenregenwaldes entlang der nordamerikanischen Pazifikküste. Benannt nach dem Grizzlybären ist er das größte intakte Regenwaldgebiet in den gemäßigten Breiten (vergleichbar mit der Größe Bayerns), das noch weitgehend von der Ausbeutung durch die Holzwirtschaft verschont geblieben ist. Flüsse, Fjorde und Wälder, in denen in den Tallagen die Bäume oft mehr als siebzig Meter Höhe erreichen, prägen den Wildnischarakter dieses in seiner Artenzusammensetzung einmaligen Urwaldes.

Anfang der neunziger Jahre begann die Holzindustrie, verstärkt in den weitgehend schutzgebietslosen Great Bear Rainforest vorzudringen. Der Protest dagegen ging vor allem von der Nuxalk First Nation unterstützt von nationalen Umweltorganisationen aus, die sich gegen den Einschlag in ihrem Territorium mit friedlichen Blockaden und Aktionen wehrten. Mit dem Start der Greenpeace-Kampagne 1997 zum Schutz des Great Bear Rainforest weitete sich der Protest weltweit aus. Auch Unternehmen und Verbände wie der Verband Deutscher Papierfabriken (VDP) und der Verband Deutscher Zeitschriftenhersteller (VDZ) drohten mit der Kündigung von Lieferverträgen, wenn weiterhin die verbleibenden großflächigen intakten Regenwaldtäler abgeholzt würden.

In der Arbeit der Initiative 2000plus für mehr Recyclingpapier an Schulen gehört seit der Gründung in 1999 die Darstellung der zunehmenden Zerstörung im Great Bear Rainforest zu den herausragenden Beispielen für die fatalen Folgen unseres überhöhten Papierverbrauchs.

Die zunehmenden Proteste führten 2001 zum Beginn von Verhandlungen, an denen First Nations, die Forstindustrie, die Provinzregierung und drei Umweltorganisationen (Greenpeace, Sierra Club und Forest Ethics) teilnahmen. Wichtige Entscheidungen dieser Verhandlungen fielen im Februar 2006 (Entscheidung über Schutzgebiete) und im März 2009 (Entscheidung über Forstliche Praxis außerhalb der Schutzgebiete).

Ergebnisse sind:
Rund ein Drittel des GBR und der GBR-Waldflächen stehen künftig unter Schutz vor einer kommerziellen Holznutzung (siehe Tabelle Download Update Alternativer Waldschadensbericht). Auf den anderen Zweidrittel Waldflächen des GBR ist eine forstwirtschaftliche Nutzung nach den Regeln des Ecosystem Based Management (EBM) zulässig. Diese sind in einer Ministerialverordnung festgeschrieben. Nach EBM werden entsprechend den in einem Areal vorkommenden Wald-Ökosystemtypen weitere Flächen festgelegt, auf denen nicht eingeschlagen werden darf. Zusammen mit den oben aufgeführten Schutzgebieten summiert dies die gesamten von der forstlichen Nutzung ausgeschlossenen Waldflächen des GBR-Waldes auf rund die Hälfte (siehe Tabelle Download Update Alternativer Waldschadensbericht).

Ein von allen Verhandlungsteilnehmern anerkanntes Gremium unabhängiger Wissenschaftler hatte zum Beginn der Verhandlungen allerdings festgestellt, man müsse etwa 63% der im GBR vorhandenen Wald-Ökosysteme erhalten (entspricht 70 Prozent des Waldanteils der sich natürlicherweise im Urwaldzustand befindet, um die Biodiversität dieser Waldregion mit geringem Risiko zu erhalten. Diese Flächenvorgabe wurde bei den bisherigen Verhandlungen um etwa 12 Prozent verfehlt.

Als weitere wesentliche Resultate sind zu nennen, dass die First Nations seit 2006 bei Fragen zur Landnutzung als Regierungen auf Augenhöhe mit der Provinzregierung verhandeln, dass es ein 120 Mio. $ – Programm zur Förderung von Schutzgebietsmanagement und von ökologisch nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen geben wird.

Quelle: Update zum Alternativen Waldschadensbericht 2010

Bewertung des Abkommens aus Sicht der Papierwende
(ehemals Initiative 2000plus)
Die Ausweitung der Schutzgebiete auf rund ein Drittel des Great Bear Rainforest ist ein großer Erfolg jahrelanger Proteste, Aktionen und Kampagnen. Auch die Implementierung von ökologischen Kriterien für die Waldbewirtschaftung in den nicht geschützten Gebieten, durch die weitere 20 Prozent der GBR-Wälder vor dem Holzeinschlag geschützt werden, ist zu begrüßen. Positiv ist auch, dass die First Nations in den Prozess eingebunden sind und eine Unterstützung durch den eingerichteten Fond erfahren.

Es bleibt festzustellen, dass auch künftig im GBR noch immer ein deutliches Defizit an notwendigen Schutzflächen besteht. Und auch wenn bei den kommenden Verhandlungen noch weitere Waldgebiete zu den bisher errichten 51 Prozent an Schutzflächen hinzukommen, so bleibt doch ein erheblicher Teil an Urwaldflächen ungeschützt und wird langfristig in Wirtschaftswälder umgewandelt werden.

Wie stark die künftige forstwirtschaftliche Nutzung im GBR die Qualität der geschützten Wildnisgebiete durch Störungen und Flächenfragmentierung mindert, hängt wesentlich davon ab, wie wirkungsvoll die bis 2014 geplante Vernetzung der Schutzgebiete gelingt.

Bei den auf dem Gebiet des GBR erreichten Fortschritten darf nicht übersehen werden, dass der Schutz der Regenwälder in anderen Teilen der Küste und anderer Waldökossyteme in British Columbia weit hinter die für den GBR beschlossenen Regelungen zurückfällt. Außerdem stammt der nach Deutschland exportierte kanadische Zellstoff nicht nur aus British Columbia, sondern zu einem großen Anteil auch aus der Provinz Quebec, in der die Holzwirtschaft ihren Rohstoff ebenfalls überwiegend aus Einschlägen in Primärwäldern gewinnt.

Das Problem der Zerstörung kanadischer Urwälder für unsere Papierproduktion ist daher mit den jetzt getroffenen Regelungen für das Gebiet des GBRs noch lange nicht vom Tisch. Die Papierwende fordert, dass der Papierverbrauch in Deutschland auf die Hälfte reduziert werden sollte. Der Rohstoff für die Papierherstellung sollte zu einem Maximum aus recycelten Fasern bestehen. Der dann noch nötige Zellstoff sollte aus nachhaltig bewirtschafteten Wirtschaftswäldern und nicht aus Urwaldgebieten stammen.

Memorandum Nachhaltiger Papierverbrauch: zu den download


Weitere Informationen zum Thema Papier und Umwelt finden sich im Alternativen Waldschadensbericht und update.

update Waldschadensbericht download 2010
Alternativer Waldschadensbericht 2006 zu bestellen bei urgewald und ARA


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