Gestohlenes Land: Papierkonsum zerstört Regenwälder

Indonesische Umweltschützer berichten auf einer Europatour über die Auswirkungen der Papierproduktion in Indonesien. Es finden Treffen mit Umweltschutzorganisationen, Verbraucherverbänden, Vertretern der Papierindustrie, Investoren, Politikern und Journalisten statt.

Berlin-Kreuzberg, Alte Feuerwache, 10. November 2012

Sichtlich bestürzt lauschten Mitglieder des Bundesnetzwerks Papierwende und des Europäischen Umwelt-Papier-Netzwerks (EEPN) am vergangenen Wochenende den Worten des indonesischen Naturschützers Aidil Fitri: „Die Papierindustrie bedroht die Existenz von 45 Millionen Menschen in unserer Heimat. Das Urwald-Holz auf einer Fläche von der Größe Englands ist bereits in den Zellstoff-Mühlen verschwunden“. Aidil Fitri arbeitet bei der Umweltorganisation WALHI schon seit vielen Jahren zu den Auswirkungen der Tropenwald-Vernichtung auf der indonesischen Insel Sumatra. Das EEPN hat ihn und zwei seiner Kollegen nach Europa eingeladen, um eine breite Öffentlichkeit gegen die Kahlschlagwirtschaft zu mobilisieren.


Die indonesischen Umweltschützer Muslim Rasyid, Hariansyah Usman und Aidil Fitri.

Tourdaten der Aktivisten:

• 10. November: Berlin
• 12.-13. November: London
• 14. November: Barcelona
• 18.-19. November: Rom
• 21.-22. November: Wien
• 23. November: Düsseldorf
• 26.-27. November: Helsinki
• 28. November: Zürich

Weitere Infos:
Monika Nolle, ARA, Tel.: 0521- 65943/ 0175-3517239
environmentalpaper.eu
papierwende.de


Gut ein Drittel aller Indonesier hängt direkt vom Wald und seinen Produkten ab. Verschwindet der Wald, sind die Menschen entwurzelt. Die Großkonzerne APP und April haben der indonesischen Regierung zugesichert, Land- und Menschenrechte zu achten, Naturwälder zu schonen. „Die tägliche Praxis beweist das Gegenteil“, empört sich Aidil Fitri. „Die korrupten Firmenchefs eignen sich illegal Waldland an und verwandeln es in eine Mondlandschaft.“ Seit Generationen haben hier Menschen die Produkte des Waldes genutzt, ohne ihn zu zerstören. „Nun wissen sie nicht mehr, wohin sie gehen sollen, geschweige denn, wie sie ihren Hunger stillen und Kranke heilen sollen“.

„Die verfassungsmäßig verankerten Landnutzungsrechte der indigenen Bevölkerung sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen“, bestätigt Muslim Rasyid, der bei der Organisation Jikalahari für die Rechte von Bauern und Fischern kämpft. „Im Distrikt Pelawan ist schon die Hälfte des Landes mit Holzplantagen bedeckt, und schon gilt die Hälfte der Dörfer als arme und benachteiligte Gemeinden“.

„Europäische Investoren und Papierfirmen müssen vermeiden, für solch eine Entwicklung mit verantwortlich zu sein. Das versuchen wir auf unserer Europareise durchzusetzen“, sagt Hariansyah Usman. Er ist Ansprechpartner für Gemeinden, die mit industriellen Plantagen und Zellstoff-Fabriken in Konflikt stehen. „Wir sind sehr besorgt darüber, dass ein neues Zellstoffwerk in Süd-Sumatra geplant ist. Jede neue Zellstoffmühle bedeutet weitere Jahrzehnte der Zerstörung“. Mit einem Ausstoß von 2 Millionen Tonnen Zellstoff wird es eines der größten Werke dieser Art weltweit sein. Hariansyah Usman reflektiert seine Erfahrungen: „Wir befürchten, dass das neue Werk den Lalan River vergiften wird, der von über zehn Dörfern als Trinkwasserquelle genutzt wird“. Die Papierproduktion ist weltweit eine der Chemie-intensivsten Industrien überhaupt.

Der Holzeinschlag für Papier vernichtet eines der artenreichsten Ökosysteme der Welt mit einem unschätzbarem Reichtum an Tieren und Pflanzen, deren Nutzungsmöglichkeiten noch lange nicht erschlossen sind. Die Elefanten-Population in der Provinz Riau auf Sumatra ging in den Jahren 1984 bis 2007 um mehr als 84 Prozent zurück, die Zahl der Sumatra-Tiger sank von 640 auf 192. Die Waldzerstörung verursacht außerdem einen alarmierenden Ausstoß an Treibausgasen. 85 Prozent der von Indonesien ausgehenden Klimagase stammen aus der Waldvernichtung. Indonesien ist mittlerweile nach den USA und China der drittgrößte Emittent von Treibhausgasen.

Besonders hoch ist der Klimaschaden bei der Zerstörung von Sumpfwäldern. Die Jahrtausende alten Torfböden sind bis zu zehn Meter mächtig. Werden sie trockengelegt, verrottet die Torfmasse und emittiert massenweise Klimagase. Aidil Fitri liefert Zahlen: „95 Prozent der bisherigen Zerstörung in der Provinz Riau fand in Torfmoorwäldern statt. Dabei müssen diese offiziell geschützt werden.“ Von 2,1 Millionen Hektar Holzplantagen in Riau befinden sich 50 Prozent in Torfmoorgebieten mit umstrittenen Lizenzen. „Die Umwandlung der bereits konzessionierten Waldgebiete in Zellstoffplantagen würde fast 500 Millionen Tonnen CO2 freisetzen“, bilanziert Aidil Fitri.

Muslim Rasyid macht sich auch große Sorgen über die Gesundheit der Bevölkerung auf Sumatra: „Waldbrände sind in der Provinz Riau an der Tagesordnung. Menschen und Tiere leiden stark unter dem permanenten Rauch. 7.600 Kinder in der Region haben massive Atemwegserkrankungen.“ Er beklagt, dass die lokale Bevölkerung meistens nicht in Planungen und Entscheidungsprozesse einbezogen wird. „Die von uns befragten Menschen wussten noch nicht einmal von der geplanten Zellstoff-Fabrik“.

Sie können die drei indonesischen Aktivisten bei ihrer Kampagne gegen die scheinbar übermächtigen Papiergiganten unterstützen, indem Sie einen Brief an die Geschäftsführungen verfassen. Den Brief können Sie an ecodevelop@gmx.de schicken, er wird dann weitergeleitet.

Wie viel Einfluss Konsumenten haben können, war erst kürzlich zu lesen: Klagen über mangelnden Umweltschutz bei APP und APRIL hatten den Verlust wichtiger Kunden in den Vereinigten Staaten und Europa zur Folge – unter anderen Carrefour, Tesco, Kraft, Unisource, Staples, Walmart, Ricoh, Woolworths, Gucci, H&M Fuji, Xerox, und jüngst auch Disney.

In Deutschland haben sich Umwelt- und Verbraucherschutzverbände für einen ökologischen und sozialen Umgang mit Papier zusammengeschlossen: www.papierwende.de.


Diese Seite wurde gefördert durch das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein Westfalen.